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Das ganz normale Leben

Abschluss von „Bad Hersfeld liest ein Buch“ mit Eugen Ruge

Beitrag aus der Hersfelder Zeitung vom 30. November 2019

Bad Hersfeld – Den ganz normalen Menschen eine Stimme geben, erzählen, wie es war, in der DDR zu leben, ohne zu verklären und ohne zu verdammen – das ist das Anliegen des Autors Eugen Ruge gewesen, als er seinen mehrfach preisgekrönten Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ schrieb. Am Donnerstag war Ruge zu Gast in Bad Hersfeld zum Abschluss der Aktion „Bad Hersfeld liest ein Buch“. Im Gespräch mit Moderatorin Kristina Marth erzählte Ruge, der ein Jahr vor der Wende in den Westen geflohen war, von seinem Leben im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo er schon 1976 gewohnt hatte. Heute sei er in seinem Haus der einzige ostdeutsche Eigentümer einer Wohnung. Für viele Menschen habe die Wende nicht nur Freiheit gebracht, sondern auch Probleme – zum Beispiel für die Mieter im Prenzlauer Berg, mahnte Ruge einen differenzierten Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte an.

Der Autor räumte aber auch ein, dass er den selbst erst im Laufe der Zeit entwickelt habe. „Nach meiner Flucht habe ich die DDR gehasst“, sagte er. Erst mit der Zeit  und der Distanz habe sich seine Sicht gewandelt. Dennoch: „Ich kann beim besten Willen nicht bedauern, dass die DDR weg ist.“ Das Bild, das in den Medien von der DDR gezeichnet worden sei, das habe er aber irgendwann nicht mehr ertragen und deshalb sein Buch geschrieben, das auch die Geschichte seiner Familie erzähle. Genauer hinsehen bzw. hinhören, dazu regte auch Helgo Hahn an, der bekannte und unbekannte Lieder aus der DDR vortrug: Die Nationalhymne, zum Beispiel, in deren erster Strophe auch von „Deutschland einig Vaterland“ die Rede sei und die deshalb nicht mehr gesungen werden durfte. Hahn präsentierte aber auch eine Persiflage auf „Pack die Badehose ein“ mit Kritik an der amerikanischen Armee. Weitere musikalische Akzente setzte der Chor der Modell- und Gesamtschule Obersberg unter der Leitung von Ulli Meiß, unter anderem mit der Wende-Hymne „Freiheit“. Einen Film mit bewegenden Zeitzeugen-Interviews von beiden Seiten der Grenze stellte die Klasse G 10b der Gesamtschule Geistal vor. Auf die gemeinschaftsbildende Funktion der Leseaktion hatte eingangs Bürgermeister Thomas Fehling hingewiesen. Initiator und Jury-Mitglied Thomas Handke erzählte nicht ohne Stolz, dass die Aktion in Bad Hersfeld schon länger erfolgreich laufe, als in Chicago, wo sie erfunden wurde. Ideen für das Buch des Jahres 2020 werden übrigens gerne genommen.

Bericht von Christina Zacharias

 

 

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