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Wir sind SchuB

Wir sind SchuB !

Widerstand ist zwecklos.

von Sonja Schwedes

Auf einer fernen Raumstation in der Leinenweberstraße 7, Lichtjahre vom Obersberg-Mutterschiff entfernt, entstand im Sommer 2008 die Basis eines kleinen feinen Experiments... Einige fremde Besucher waren mittlerweile hier und stellten selbst fest: Widerstand ist zwecklos. Denn sie waren gleich eingenommen von der so ganz anderen, angenehmen Atmosphäre und den beschäftigten jungen Menschen mit den offenen, gut gelaunten Gesichtern.

Ja, ich rede von Schule! Das ist doch nicht möglich, sagt ihr. Doch. Ich erzähle euch wie das geht.

SchuB ist ein Hauptschulmodell, das vom Land Hessen und vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird. Die Kooperationspartner hier in Bad Hersfeld sind die Gesamtschule Obersberg und die Jugendwerkstatt Hersfeld-Rotenburg. SchuB bedeutet Schule und Betrieb: In der 8. und 9. Klasse haben Schülerinnen und Schüler an drei Tagen Unterricht und gehen an zwei Tagen als Praktikanten in einen Betrieb. Jedes Praktikum läuft über ein halbes Jahr, so dass in diesen zwei Jahren vier Berufsfelder ausprobiert und kennengelernt werden können. Natürlich ist es optimal, wenn sie ihre Ausbildungsplätze am Ende in der Tasche haben oder wenigstens genau wissen, welche Tätigkeiten gut von der Hand gehen, das heißt, welcher Beruf gut zu ihnen passt.

Die drei Schultage laufen anders ab als an der "normalen" Schule: Die Kernfächer Mathe, Deutsch und Englisch sind wie sonst auch im Stundenplan. Aber der Rest wird in Fächerverbünden unterrichtet, z. B. Welt/Zeit/Gesellschaft, Materie/Natur/Technik oder Wirtschaft/Arbeit/Gesundheit. Außerdem werden die Praktika im Unterricht begleitet, wir üben Berichte schreiben, Arbeitsanweisungen umsetzen und Arbeitsabläufe beschreiben. Alles sehr direkt auf das Arbeitsleben bezogen. So wissen alle ziemlich genau, wofür sie lernen.

Wir haben hier eine eigene Etage, die wir inzwischen mit unseren Steckbriefen, Plakaten und SchuB-Kunstwerken gestaltet haben. Wir sind vier Erwachsene: zwei Klassenlehrerinnen, ein Fachlehrer und ich, die Sozialpädagogin von der Jugendwerkstatt. Ich bin so etwas wie ein Problem-Coach, schiebe Aktivitäten an und sorge für gute Beziehungen. In der Klasse sind höchstens 15 Schülerinnen und Schüler. So ist alles überschaubar, anfangs ungewohnt eng, später angenehm familiär. Wir erfinden kleine Projekte: Pflanzen züchten, Computerkurs, Kampfsportkurs, Frühstückservice... Wir haben nämlich eine kleine Küche und können uns selbst bekochen. Und wir können eine tolle Weihnachtsfeier auf die Beine stellen, mit selbstgebackenen Plätzchen und Weihnachtsmann. Da waren sogar die Gäste platt und hatten das nicht erwartet. Tja, da sind wir cool und sagen: "Yes, we can".

SchuB ist kein Zwischenlager für "Loser", im Gegenteil: Wer in die SchuB-Klasse will, muss sich bewerben und entscheidet sich im Vorfeld für einen anderen (arbeitsintensiveren) Weg zum Hauptschulabschluss und ins Arbeitsleben. Bewerber und Eltern schließen einen Bildungsvertrag mit der Schule ab. Durch dieses Verfahren kommen Teilnehmer ins Boot, die verstanden haben, dass es 5 vor 12 ist. Auch hier ist Widerstand zwecklos: Wer weiter abhängen will, fliegt wieder zum Mutterschiff zurück. Ohne Mitarbeit geht hier gar nichts. Schön ist, dass die meisten kapieren, dass das sogar Spaß macht. Ein Vater freut sich darüber, dass sein Sohn neuerdings ungewöhnlich gut gelaunt ist. Eine Mutter sagt auf dem ersten Elternabend: "Mein Junge geht morgens wieder gern zur Schule und er kommt mit geradem Rücken wieder heim." Eine andere Mutter erkennt ihre Tochter nicht wieder.

Erstaunliche Dinge geschehen in unserer Raumstation, sogar die Noten werden besser. Das zeigt sich konkret in den Projektprüfungen, in den erfolgreichen Hauptschulabschlüssen und in den Übergängen in passende Anschlussperspektive. Viele finden ihren Ausbildungsplatz, andere gehen weiter zur Berufsfachschule und ein paar entscheiden sich für weitere orientierende Maßnahmen (Berufsvorbereitungsjahr oder Freiwilliges Soziales Jahr). So haben 8 von 12 Schülern der Abschlussklasse 2012 einen Ausbildungsplatz bekommen und behalten. Im Sommer 2013 geht die sechste Klasse an den Start.

SchuB wird immer mehr als Chance begriffen. Durch Jahre harter Arbeit hat sich auch endlich das Image von SchuB gewandelt. Wie geht das? Die Gesellschaft fordert den jungen Menschen Hochleistung ab. Wer nicht mithalten kann, verliert. Wir konnten dem Zeitgeist von Karriere-Wahn, Turbo-Schule und Titel-Hetze etwas entgegensetzen: etwas mehr Zeit und Zuwendung, viele Ermunterungen, intensive Be- und Erziehungsarbeit... Dabei heraus kommt nicht nur ein erfolgreicher Abschluss, sondern auch eine gute Gemeinschaft, an die man gern zurückdenkt.

 

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