logo

Chorleiter Ulli Meiß verlässt Obersberg und reicht den Taktstock weiter

Ein Beitrag der Hersfelder Zeitung vom 26. Oktober 2026

Ulli Meiß hat den Chor der Modell- und Gesamtschule Obersberg in Bad Hersfeld von 16 auf 150 Mitglieder geführt. Nun verrät er, was er mit seiner Arbeit den Jugendlichen mitgeben wollte.

Bad Hersfeld – Nach 30 Jahren verabschiedet sich Ulli Meiß, Gründer und Leiter des Chores und des Blechbläser-Ensembles der Modell- und Gesamtschule Obersberg, in den Ruhestand. Im Interview spricht er über musikalische Höhepunkte auf fünf Kontinenten, Disziplin und Gemeinschaft, emotionale Abschiede und die Zukunft seiner Ensembles.

63 Konzertreisen in 33 Länder auf allen fünf Kontinenten, tausende begeisterte Zuhörer und Generationen von Jugendlichen, die er musikalisch geprägt hat. Seit 1996 hat er beide Ensembles aufgebaut und zu musikalischen Aushängeschildern der Stadt Bad Hersfeld gemacht. Am 31. Januar 2027 endet seine berufliche Laufbahn. Wir sprachen mit ihm über drei Jahrzehnte voller Musik, prägender Erlebnisse und die Frage, wie es ohne ihn weitergeht.

Herr Meiß, Sie haben 1996 den Chor und das Blechbläser-Ensemble der Modell- und Gesamtschule Obersberg gegründet. Wie kam es dazu?

Als ich 1996 an die Modellschule Obersberg kam, gab es weder einen Chor noch ein Blechbläser-Ensemble. Ich habe damals den Schulleiter gefragt, ob ich diese beiden Gruppen gründen dürfte. Er war sofort begeistert, und so habe ich einfach angefangen.

Wie bescheiden waren die Anfänge und wie haben sich die Ensembles in den vergangenen 30 Jahren entwickelt?

Mit dem Chor habe ich damals mit gerade einmal 16 Schülerinnen und Schülern begonnen. Wir haben zunächst ganz einfache Literatur gesungen. Aber das Interesse war groß, und der Chor entwickelte sich unglaublich schnell. Schon 1998, als wir erstmals in der Stiftsruine auftraten, waren es 70 bis 80 Sängerinnen und Sänger. Dieser Auftritt war für mich persönlich ein entscheidender Moment. Da habe ich gespürt, dass wir etwas Besonderes aufgebaut hatten. Der Chor ist über die Jahre kontinuierlich gewachsen und hat heute rund 150 Mitglieder. Damals gaben wir sogar jeweils drei Konzerte in der Stiftsruine im Sommer und in der Stadtkirche zur Weihnachtszeit. Im Laufe der Jahre haben wir das musikalische Angebot immer weiter ausgebaut. Konzertreisen kamen hinzu, ebenso Stimmbildung und Einzelunterricht. Die Arbeit wurde dadurch intensiver, und auch die Bindung zu den Jugendlichen ist immer enger geworden. Die Schülerinnen und Schüler waren von diesen Möglichkeiten begeistert, weil sie ein solches Angebot in dieser Form aus der Region nicht kannten.

Jugendliche über Jahre hinweg für Chormusik zu begeistern, ist keine Selbstverständlichkeit. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ganz wichtig ist ein breit gefächertes Repertoire. Wir singen vom Volkslied über internationale Chormusik bis hin zu modernen Songs. Dabei muss ich natürlich immer darauf achten, dass die Literatur auch den Jugendlichen Freude macht. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Gemeinschaft. Bei uns singen Schülerinnen und Schüler von der siebten bis zur 13. Klasse und ehemalige Sängerinnen und Sänger zusammen. Diese Mischung aus Jüngeren und Älteren ist etwas Wunderbares. Die Großen entwickeln einen gewissen Beschützerinstinkt gegenüber den Kleinen, und die Jüngeren orientieren sich an den Älteren. Dazu kommen die vielen gemeinsamen Aktivitäten und Reisen. Und natürlich motiviert es ungemein, wenn man in der Stiftsruine steht und den begeisterten Applaus des Publikums erlebt.

Wie gelingt es Ihnen, die Jugendlichen von Chor und Blechbläsern zusammenzuhalten?

Ohne Disziplin funktioniert es nicht. Alle Beteiligten müssen sich an klare Regeln halten. Das gilt für mich genauso wie für mein Team, die Eltern und die Sängerinnen und Sänger. Ich habe immer eine gewisse Strenge eingefordert und gleichzeitig versucht, den Jugendlichen möglichst viele Freiheiten zu geben. Die richtige Balance ist entscheidend. Regeln müssen klar sein, und angekündigte Konsequenzen auch umgesetzt werden. Über die Jahre hat sich daraus eine Wertegemeinschaft entwickelt, in der die Älteren diese Haltung an die Jüngeren weitergeben. Dadurch funktioniert vieles inzwischen ganz selbstverständlich.

Sie sprechen von einer Wertegemeinschaft. Was lernen die Jugendlichen bei Ihnen über die Musik hinaus?

Eine ganze Menge. Die Herausbildung sozialer Kompetenzen, Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein sind grundlegende Bestandteile unserer Arbeit. Die Jugendlichen lernen, dass es keine persönliche Einschränkung sein muss, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen. Im Gegenteil: Das kann eine große persönliche Bereicherung sein. Und es ist von unschätzbarem gesellschaftlichem Wert. Gleichzeitig sollen sie sich aber auch aktiv einbringen. Viele musikalische Ideen für unsere Konzerte kommen inzwischen von den Jugendlichen selbst. Alle denken mit und sind mit Begeisterung dabei. Das ist toll!

Ein Markenzeichen Ihrer Ensembles sind die zahlreichen Konzertreisen. Was hat diese internationale Ausrichtung bewirkt?

Wir haben in den vergangenen 30 Jahren insgesamt 63 Konzertreisen in 33 verschiedene Länder auf allen fünf Erdteilen unternommen. Für die Jugendlichen waren das unglaublich wertvolle Erfahrungen. Sie konnten andere Kulturen kennenlernen, internationale Neugier entwickeln und eine Haltung ausbilden, die von Toleranz geprägt ist. Gerade in der heutigen Zeit halte ich das für besonders wichtig. Hinzu kommt die persönliche Entwicklung. Man muss sich einmal vorstellen, was es für einen jungen Menschen bedeutet, mitunter tausende Kilometer von zu Hause entfernt zu sein, ohne die Eltern. Dazu braucht es Mut und Vertrauen in die Gemeinschaft. Ich konnte immer wieder beobachten, wie Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der Jugendlichen dadurch gewachsen sind. Unsere Arbeit war deshalb nie nur musikalisch, sondern immer auch pädagogisch.

Welche dieser Reisen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Da gibt es viele. Sibirien im Winter war natürlich ein außergewöhnliches Erlebnis, ebenso unsere Reisen nach Indien und Namibia. Aber auch Kroatien und Malta haben mich sehr beeindruckt. Unvergesslich waren beispielsweise unsere Konzerte in der Royal Albert Hall in London und kürzlich vor der berühmten Rotunde von Mosta auf Malta. Was mich immer besonders gefreut hat: Unsere Ensembles wurden auch im Ausland begeistert gefeiert. Und zwar ohne Heimbonus. Das ist eine wunderbare Bestätigung unserer musikalischen Arbeit.

Neben den internationalen Auftritten sind vor allem die Konzerte in der Bad Hersfelder Stiftsruine und in der Stadtkirche zu einer Institution geworden. Was bedeutet Ihnen diese Verbundenheit mit der Stadt?

Sehr viel. Ich bin unglaublich dankbar dafür, wie unsere Arbeit von den Bad Hersfeldern angenommen wird. Seit rund 20 Jahren sind unsere Konzerte ausverkauft. Die Jugendlichen spüren, dass sie als Sympathieträger und für ihre musikalischen Leistungen geschätzt werden. Das spornt natürlich enorm an. Mittlerweile reicht unser Publikum weit über Bad Hersfeld hinaus. Diese überregionale Anerkennung ist etwas ganz Besonderes.

Wenn Sie auf drei Jahrzehnte zurückblicken: Welche Bilanz ziehen Sie in Zahlen?

Neben den Konzertreisen stehen allein 28 Konzerte in der Stiftsruine seit 1998 und 14 Konzerte in der Stadtkirche seit Ende der 1990er-Jahre. Hinzu kommen weitere Konzerte im schulischen Rahmen, zahlreiche weitere Auftritte und drei Fernsehaufnahmen. Insgesamt haben über die Jahre schätzungsweise 3000 bis 4000 Jugendliche an unseren Ensembles und Aktivitäten teilgenommen. Und ich bin sehr gut in der deutschen Chorlandschaft vernetzt. Mit ein wenig Stolz würde ich sagen, dass das, was wir hier aufgebaut haben, schon ein bisschen Champions-League-verdächtig ist (lacht).

Nach 30 Jahren hören Sie nun auf. Fällt Ihnen dieser Schritt schwer?

Natürlich. Aber ich habe die Altersgrenze erreicht, und damit endet meine berufliche Tätigkeit. Die musikalische Arbeit mit den Jugendlichen hat mein Leben geprägt und bestimmt. In den vergangenen 30 Jahren gab es kaum einen Tag, an dem Chor und Blechbläser kein Thema waren. Selbst in den langen Sommerferien nicht. Ich habe meine Arbeit zu einer Lebensaufgabe gemacht und bin sehr dankbar für diese einmalige Zeit.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Ganz sicher die tägliche Arbeit mit den Jugendlichen und die besondere Gemeinschaft. Es bleiben unzählige schöne Erinnerungen. Ein Augenblick wird für mich allerdings unvergesslich sein: mein letztes Konzert in der Stiftsruine in diesem Sommer. Das war für mich emotional kaum zu beschreiben. Emotionen pur! In solchen Momenten wird einem bewusst, was man über die Jahrzehnte gemeinsam geschaffen hat.

Mit Ihrem Ruhestand endet eine Ära. Wie geht es mit dem Chor und den Blechbläsern weiter?

Die Ensembles werden weiter bestehen. Anne Rill und Jan Braun werden meine Nachfolge übernehmen. Nach derzeitigem Stand sollen auch die großen musikalischen Eckpfeiler erhalten bleiben, insbesondere die Konzerte in der Stiftsruine und in der Stadtkirche. Natürlich werden die beiden auch eigene musikalische Ideen entwickeln und neue Akzente setzen. Bis zu meinem Ausscheiden am 31. Januar stehen noch einige Aktivitäten an. Anschließend beginnt ein neues Kapitel. Wenn sie das wünschen, stehe ich Anne und Jan gerne beratend zur Verfügung, allerdings unsichtbar im Hintergrund.

Was haben Sie für die Zeit nach dem Schuldienst geplant?

Es gibt schon einige Pläne und musikalische Ideen, aber noch nichts, was endgültig spruchreif wäre. Ich werde mich sicher auch künftig musikalisch betätigen, allerdings nicht mehr am Obersberg. Natürlich möchte ich künftig mehr Zeit für mein Privatleben haben. Nach so vielen Jahren, in denen eigentlich immer etwas los war, ist es schon eine Umstellung, plötzlich nicht mehr diesen ausgefüllten Alltag zu haben. Ich bin aber zuversichtlich, dass mir dazu noch einiges einfallen wird (lacht).

Wenn Sie abschließend auf diese Erfolgsgeschichte blicken: Wem gilt Ihr besonderer Dank?

Ganz ausdrücklich meinem Team und meiner Frau Sabine. Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen. Sie haben über all die Jahre mit großem Engagement dazu beigetragen, dass sich die Ensembles so erfolgreich entwickeln konnten. Gerade auch die organisatorische Arbeit im Hintergrund war enorm. Diese Erfolgsgeschichte ist deshalb nicht allein mein Verdienst. Ich bin allen sehr dankbar, die mich über die vergangenen 30 Jahre unterstützt und begleitet haben.

Ulrich Meiß (64) stammt aus Obersuhl. Er studierte Trompete als Hauptfach und Sologesang mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendstimme in Detmold und Paderborn. An der Modell- und Gesamtschule Obersberg unterrichtet er die Fächer Musik und Deutsch. Zudem ist er als Studiendirektor Ausbilder am Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien im Fach Musik in Fulda. Er ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Unterhaun. Ulli Meiß ist Kreis-Chorleiter und Träger des Ehrenbriefes des Landes Hessen.

 

Ulli Meiß vor dem Eingang der Schule MSO

Chorleiter Ulli Meiß

 

Quelle: www.hersfelder-zeitung.de/bad-hersfeld/chorleiter-ulli-meiss-verlaesst-obersberg-und-reicht-den-taktstock-weiter-94557498.html

 

Wir benutzen Cookies

Wir verwenden ausschließlich Session-Cookies, die für den Betrieb der Website notwendig sind. Es werden keinerlei Tracking-Cookies gesetzt.
CookieHint and Consent by reDim GmbH (Öffnet in neuem Fenster)