Lieder, die Brücken bauen

Veröffentlicht von Barbara Kilian am .

Gelebte Völkerverständigung beim gemeinsamen Konzert der Ulli-Meiß-Chöre und „Tutarchela“ aus Georgien

Hersfelder Zeitung, Beitrag vom 28.08.2017

VON KAI A. STRUTHOFF

 „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Johann Gottfried Seume

Wenn ein georgischer Jugendchor in einer romanischen Kirchenruine in Bad Hersfeld erst „Die Gedanken sind frei“ von Hoffmann von Fallersleben singt, um dann fast ansatzlos zu „Mein Herz brennt“ von Ramstein zu wechseln – dann ist das eindrucksvoller musikalischer Beweis für ein gelebtes Europa.

„Völkerverständigung geht furchtbar einfach“, sagte deshalb auch Chorleiter Ulli Meiß beim ersten von drei Abschlusskonzerten am Samstagabend in der Stiftsruine. Der traditionelle Festspiel-Ausklang wurde in diesem Jahr zu einem internationalen Freudenfest. Denn der Chor der Modell- und Gesamtschule Obersberg und das Blechbläser-Ensemble der MSO und der Konrad-Duden-Schule hatten sich den Jugendchor „Tutarchela“ unter der Leitung von Tamar Buadze eingeladen. Der Kontakt entstand bei der Georgienreise der Ulli-Meiß-Chöre im vergangenen Jahr.

„Wer singt, kämpft nicht“

„Wer miteinander singt, der bekämpft sich nicht“, sagte Europa-Staatsminister Michael Roth, dessen Ministerium die Reise unterstützt hatte und der gemeinsam mit dem georgischen Außenminister Mikheil Janelidze das Konzert besuchte. Janelidze lobt die „Brücke, die Ulli Meiß nach Georgien gebaut hat“ und ermunterte die Konzertbesucher zu einem Besuch in Georgien.

Dass es dort fröhlich, farbenfroh und rasant zugeht, zeigte dann „Tutarchela“, dessen Sängerinnen mit farbenfrohen Kaftans und dessen Sänger in der Tschocha, der traditionellen kaukasischen Männertracht, über die Bühne wirbelten, tanzten, sangen und musizierten.

Auf mitreißende und fröhliche Art verbanden sie dabei die mehrstimmigen georgischen Volksweisen mit moderner, internationaler Musik – wie eben von Ramstein. Dabei kamen auch der Chiboni, ein georgischer Dudelsack, und die Panduri, eine dreisaitige Langhalslaute, zum Einsatz. Mit donnerndem Applaus dankte das Publikum für so viel kaukasische Lebensfreude.

Als gute Gastgeber überließen die Ulli-Meiß-Chöre ihren fröhlichen Gästen gern über weite Strecken die Bühne, um sich dann – bei mehr als 150 Menschen auf der Bühne eine logistische Meisterleistung – wieder gemeinsam zum Singen aufzustellen.

Neben den bewährten Solistinnen und Solisten – Jaqueline Hartwig, Marisa Linß und Mattheus Drzewiecki – überraschten die Chöre dabei auch mit neuen, jungen Talenten, wie Alea Karsten, Marie Esposito oder Johanna Terlinden, die mit Einzeldarbietungen glänzten. Für einen besonderen Gänsehaut-Moment sorgten Jaqueline Hartwig und die junge Georgierin Barbare Rusidze, die gemeinsam „Kyrie eleison“ sangen, das vom Patriachen Ilia II. von Georgien komponiert wurde, wie Chorleiterin Tamar Buadze erklärte. Unterstützt wurden die Solistinnen vom ganzen Chor, der, in den Gängen verteilt, ein eindrucksvolles sakrales Rundum-Klangerlebnis erzeugte.

Mit schmissiger Spielfreude sorgten die Blechbläser für den nötigen Sound, und spätestens beim River Kwai Marsch schunkelte und klatschte die ganze Ruine-Besatzung. Und beim abschließenden Pop-Medley verwandelte sich die Bühne in eine große Open-Air-Disco. Nach lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen gab es als passende Zugabe noch Beethovens 9. Sinfonie „Freude schöner Götterfunken“ als krönenden Abschluss dieses europäischen Freundschaftsfests, das mit der verbindenden Magie der Musik alle in seinen Bann gezogen hat. Schöner als Schiller kann man es kaum sagen: „Alle Menschen werden Brüder“ – und Schwestern, natürlich!

Alle Fotos: Ludger Konopka

Eine große Fotostrecke vom Konzert in der Stiftsruine auf www.hersfelder-zeitung.de

 Mit viel Musik und ausgelassener Lebensfreude: Nicht nur die jungen Sängerinnen und Sänger der beiden Chöre, sondern auch das Publikum in der ausverkaufen Stiftsruine hatten viel Spaß bei diesem europäischen Freudenfest zum Abschluss der Bad Hersfelder Festspiele.

 Ausverkaufte Ruine: Immer wieder standen auch die Sänger in den Gängen und sorgten für ein besonderes Klangerlebnis.

 So macht Politik Spaß: Außenminister Mikheil Janelidze (links) und Staatsminister Michael Roth mit Chorleiter Ulli Meiß.